„Wie abfällig in Teilen über uns geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder“
Seit sie im vergangenen November zur Vorsitzenden der Athlet*innenkommission (AK) im DOSB und zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland (AD) gewählt wurde, kümmert sich Pia Greiten nicht mehr nur aus reinem Interesse um sportpolitische Themen, sondern qua ihrer Ämter. Die 29-Jährige, die 2024 in Paris die olympische Bronzemedaille mit dem Doppelvierer erruderte, studiert zudem „im Hauptberuf“ Bauingenieurwesen. Und dann ist da für die Athletin vom Osnabrücker Ruder-Verein auch noch eine nicht ganz unwesentliche Karriere im Leistungssport zu bewältigen. Darüber, wie sie diese Dreifach-Herausforderung managt, was sie über den Entwurf eines Sportfördergesetzes denkt und warum sie sich eine veränderte Diskussion über Leistung im Sport wünscht, spricht Pia im DOSB-Interview.
DOSB: Pia, am Wochenende stehen in München die Deutschen Kleinboot-Meisterschaften auf dem Programm. Das klingt fast niedlich, dabei ist es eins der wichtigsten Events der Rudersaison. Erläutere bitte einmal, welche Bedeutung die DM für euch als Kaderathlet*innen hat.
Pia Greiten: Alle Kaderathlet*innen im Skullbereich starten im Einer, die im Riemenbereich im Zweier ohne Steuerfrau oder Steuermann. Ich kann nur für mich sprechen, weiß aber, dass es auch für alle anderen sehr prestigeträchtig ist, in der kleinsten Bootsklasse den nationalen Meistertitel zu gewinnen. Für die Qualifikation mit Blick auf die Besetzung der Boote für die internationalen Wettkämpfe sind die Kleinboot-Meisterschaften der wichtigste Wettbewerb.
Warum wird nur in Kleinbooten gefahren und nicht in den Bootsklassen, für die ihr euch qualifizieren wollt?
Weil es darum geht, die Individualleistung zu überprüfen. Der zweite wichtige Faktor neben der Kleinboot-Meisterschaft ist der 2000-Meter-Ergotest, den wir vor zwei Wochen im Rahmen der Langstreckenrennen in Leipzig absolviert haben. Beide gehen in die Leistungsbewertung ein, die darüber entscheidet, wie die verschiedenen Bootsklassen besetzt werden. Die Setzliste für die Meisterschaft wird anhand der Vorleistung bei der Langstrecke erstellt, damit sich die Favoritinnen auf die Besetzung der A-Nationalmannschaft nicht schon im Viertelfinale eliminieren.
Wie lief deine persönliche Vorbereitung, wie würdest du deine Formkurve der vergangenen Monate beschreiben?
Grundsätzlich bin ich mit dem Verlauf meiner Formkurve durchaus zufrieden, auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gern gewesen wäre. Aber ich hatte über den Jahreswechsel über Wochen mit den Folgen einer Influenza zu kämpfen. Umso glücklicher bin ich, dass ich physiologisch gut dastehe. Ich konnte meine persönliche Bestleistung auf dem Ergometer auf 6:35,4 Minuten verbessern und habe das Gefühl, dass mein Körper die Belastungen sehr gut wegsteckt.
Mit welcher Zielstellung gehst du in das kommende Wochenende?
Das ist etwas schwierig zu sagen, weil ich sowohl meine eigene als auch die Leistungsfähigkeit meiner Konkurrentinnen nicht zu 100 Prozent einzuschätzen vermag. Grundsätzlich fahre ich aber zu einer Deutschen Meisterschaft immer mit dem Ziel, dort um die Medaillen zu kämpfen.
Gesetzt den Fall, dass du in München das erhoffte Ziel erreichst und dich für den A-Kader qualifizierst: Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?
Mein Ziel ist, bei den internationalen Saisonhöhepunkten, also der EM Anfang August in Italien und der WM Ende August in Amsterdam, im priorisierten Boot zu sitzen. Noch ist nicht klar kommuniziert, ob das der Doppelzweier oder der Doppelvierer sein wird. Aber wir haben ein starkes Team und mir ist bewusst, dass ich dafür meine Topleistung erreichen muss.
Nach Jahren, in denen es im deutschen Frauenrudern vor allem im Riemenbereich sehr schwierig war, scheint im DRV eine Art Aufbruchstimmung zu herrschen. Wie nimmst du das wahr?
Genauso. Wir haben wieder ein großes Team mit viel Konkurrenz, was sehr schön und wichtig ist, um bei den Großevents in allen Bootsklassen international konkurrenzfähig zu sein. Im Team herrscht eine sehr positive Energie, alle haben Bock, wieder etwas zu erreichen und geben alles dafür, 2028 in Los Angeles mit mehr Booten als in Paris an den Start zu gehen. Wir trainieren mit Skull -und Riemenbereich gemeinsam in Berlin, und der Wandel im Team ist sehr deutlich zu spüren.
Die Regattastrecke in München, auf der die DM stattfindet, ist geschichtsträchtig, 1972 wurde dort um Olympiamedaillen gekämpft, 50 Jahre später fanden dort die European Championships statt. Welche Bedeutung hat sie für euch im DRV?
Die Spiele von 1972 sind bei mir und dem Team natürlich nicht so präsent. Aber die Strecke wird auch im Junior*innenbereich intensiv genutzt, so dass die meisten von uns sehr viel Erfahrung mit ihr haben. Persönlich mag ich Anlagen, die als Regattastrecke konzipiert und gebaut wurden, besonders gern. Sie sind komprimierter, das Publikum ist nah dran. Deshalb fahre ich sehr gern nach Oberschleißheim, auch wenn meine Erfahrungen aus sportlicher Sicht durchaus gemischt sind.
Neben deiner sportlichen Karriere bist du seit November 2025 an herausgehobenen Stellen auch sportpolitisch sehr aktiv. Wie würdest du deine ersten Erfahrungen als Vorsitzende der DOSB-Athlet*innenkommission und Präsidentin von Athleten Deutschland zusammenfassen?
Die ersten Monate waren definitiv sehr aufregend. Für mich ging es zunächst darum, mir einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche zu verschaffen. Zum Glück haben wir in beiden Organisationen ein sehr starkes Team, das sehr viel Energie und Professionalität in die Aufgaben steckt.
Wie funktioniert die Arbeitsteilung konkret? Bist du diejenige, die den großen Rahmen vorgibt und den Überblick über alle Themen behält?
Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über all unsere Aufgaben habe. Im Präsidiums- und Kommissionsteam sind wir aber alle gleichgestellt, ich gebe nichts vor. Ich bin auch nicht in Gremien vertreten, die die Themen schwerpunktmäßig bearbeiten und daher auch nicht diejenige, die sich zu allem äußern muss. Dafür haben wir Expert*innen in den verschiedenen Themenbereichen. Wenn es um aktuelle Themen geht, schauen wir zudem, wer gerade Kapazitäten hat. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, müssen wir darauf achten, dass in entscheidenden Phasen niemand überlastet wird.
Zu Beginn deiner Amtszeit konntest du die zeitliche Beanspruchung durch die beiden Ämter noch nicht einschätzen. Wie hoch ist sie denn nun?
Ich führe darüber kein Protokoll, und es ist auch von Woche zu Woche unterschiedlich. Es kommen schon so einige Stunden zusammen, insbesondere Kurzfristigkeit von Themen ist eine Herausforderung. Aber mit einem guten Zeitmanagement, und das sollten Leistungssportler*innen haben, ist das alles auch mit dem Studium gut unter einen Hut zu bekommen.
Als Vorsitzende der AK und Präsidentin von AD, deren Führungsstruktur personengleich ist, trägst du zwei Hüte. Wie bewertest du mit ein paar Monaten Erfahrung die Herausforderung der Doppelfunktion? Wie schwierig ist es, die Trennschärfe zu bewahren?
Personengleich sind beide Gremien nicht, in der AK sitzen neben dem AD-Präsidium Kim Bui, Ronald Rauhe und Jello Krahmer. Alica Gebhardt, die bei AD im Präsidium sitzt, ist nicht Teil der AK. Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig, weil ich nicht glaube, dass es eine klare Trennung braucht. Im Vordergrund beider Aufgaben steht, dass wir die Athlet*innen vertreten. Natürlich gibt es Themen, die wir eher mit der AK bespielen, wenn sie DOSB-intern oder dem DOSB besonders wichtig sind. Andere Themen sind für AD wichtiger und erhalten darüber mehr Konzentration von dieser Seite. Es ist wichtig zu wissen, dass wir unsere Arbeit in der AK ohne die Unterstützung von AD nicht machen könnten. In der AK haben wir eine gering beschäftigte Kraft, die uns unterstützt. Für AD sind Hauptamtliche täglich mit den Belangen von Athlet*innen befasst. Wir können unsere Kapazitäten für die AK viel mehr nutzen, weil uns viele Dinge abgenommen werden und wir auf eine Basis zurückgreifen können, die wir ehrenamtlich nicht bearbeiten könnten.
Es fällt auf, dass sich AD zu manchen Themen wie zum Beispiel dem Ausschluss von Fridtjof Petzold aus der DESG sehr deutlich positioniert, zu anderen wie dem Konflikt im DAV, der ja ebenfalls stark die Athlet*innen betrifft, wiederum nicht. Worin liegt das begründet?
Wir wägen sehr sorgfältig ab, zu welchen Themen wir uns öffentlich äußern, und prüfen, ob wir dazu belastbare Aussagen treffen können. Dasselbe macht der DOSB auch. Es gibt sicherlich bestimmte Gründe, warum zu den genannten Beispielen nicht proaktiv Stellung bezogen wurde.
Wenn du als Präsidentin von AD sprichst, scheinst du medial deutlich intensiver wahrgenommen zu werden als in der DOSB-Funktion. Warum ist das so, und wie ließe sich das ändern?
Zum einen liegt es daran, dass Athleten Deutschland als unabhängige Vertretung wahrgenommen wird, die nicht mit dem DOSB verbunden ist. Das wirkt auf viele Medien objektiver, als wenn sich die verbandsinterne Kommission äußert. Zum anderen hat sich der Verein seit der Gründung 2017 einen politischen Stellenwert erarbeitet, dank dem sich besser Themen platzieren lassen, die öffentliche Relevanz haben. Diese Kraft ist nicht zu unterschätzen.
Aber als Vorsitzende der DOSB-AK sprichst du für alle Athlet*innen, bei AD nur für dessen Mitglieder. Steckt dahinter nicht eine viel größere Kraft?
Ich sehe diese Trennung nicht als entscheidend an. Athleten Deutschland spricht Themen an, die alle Athlet*innen betreffen und die für deren Fortkommen und Weiterentwicklung nützlich sein können. Insofern halte ich es nicht für notwendig, daran etwas zu ändern. Wichtig ist, dass die Themen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Zudem ist AD über das Hauptamt viel besser in der Lage, Meinungsbilder einzuholen und intensiver mit Athlet*innen ins Gespräch zu gehen, als wir es im Ehrenamt jemals könnten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Hundert Anliegen von Athlet*innen bearbeitet und somit Expertise aufgebaut, von der auch der DOSB profitieren kann.
Hast du denn das Gefühl, dass die Sicht der Athlet*innen im DOSB nicht ausreichend wahr- und vor allem auch ernst genommen wird?
Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich es so formulieren: Der Status Quo ist zumindest nicht zufriedenstellend. Wir arbeiten als Athlet*innenkommission intensiv daran, dass das besser wird. Und aus dem DOSB, insbesondere aus dem Vorstand, bekommen wir auch entsprechende Zeichen, dass das ernst genommen wird. Allerdings muss die Zukunft zeigen, wie ernst die Einbindung seiner Spitzenathlet*innen dem DOSB wirklich ist.
„Die wichtigsten Rennen werden im Endspurt entschieden“
DOSB: Am 19. April stehen die entscheidenden Referenden in der Region KölnRheinRuhr und in Kiel an. Welche Rolle spielen die Erfahrungen aus dem erfolgreichen Referendum in München für die aktuellen Bürgerentscheide?
Thomas Weikert: Die erfolgreiche Abstimmung in München hat dem gesamten Prozess natürlich Rückenwind gegeben. Es hat sich gezeigt, dass Referenden zur Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele durchaus gewonnen werden können. München war das erste erfolgreiche Referendum zu Sommerspielen weltweit. Wichtig war und ist es in unserem Prozess, dass Sport, Politik und Wirtschaft mit einer Stimme sprechen und den Fokus auf die allein schon durch die Bewerbung entstehenden Chancen für viele gesellschaftliche Bereiche zu legen. In einer offenen, positiven und emotionalen Art und Weise. Das hat viele Menschen überzeugt. Ich hoffe, das ist auch bei den Abstimmungen sowohl in Kiel als auch in KölnRheinRuhr wieder der Fall. Die wichtigsten Rennen werden bekanntlich im Endspurt entschieden. Ich wünsche mir daher, dass die Bürgerinnen und Bürger in NRW sowie Kiel von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen und die letzten Tage bis zum Sonntag noch zahlreich zur Stimmabgabe nutzen. Wobei ich darum bitte zu bedenken, dass es in NRW nicht die Möglichkeit gibt, am Sonntag Wahllokale zu nutzen. Die Unterlagen müssen per Brief am besten bis spätestens Mittwoch abgesendet oder bis zum Sonntag im jeweiligen Rathaus abgegeben werden.
Wie wichtig ist der Ausgang der kommenden Referenden für den weiteren Prozess?
Mit München hat bereits ein nationaler Bewerber das Ziel erreicht. Insofern geht es am kommenden Sonntag nicht mehr um die Frage, ob es eine deutsche Bewerbung geben wird, sondern darum, ob es Olympische und Paralympische Spiele in KölnRheinRuhr beziehungsweise Segeln in Kiel geben kann. Wir hoffen, dass sich die Sportbegeisterung, die wir an Rhein und Ruhr und an der Ostsee seit Wochen erleben, auch in der Wahlbeteiligung widerspiegelt. Das würde erneut unter Beweis stellen, wie sehr die Idee von Olympischen und Paralympischen Spielen die Menschen in Deutschland bewegt.
Roua Al Barkomi: Ein Musterbeispiel für Integration durch Sport
Eine gute halbe Stunde hat sie, unterbrochen lediglich von einigen Fragen, ihr bisheriges Leben ausgebreitet, als Roua Al Barkomi die Sätze sagt, die am meisten nachhallen werden. „Deutschland ist für mich ganz klar Heimat, ich fühle mich hier zu Hause. Ich habe mir hier alles von Null erarbeitet und möchte hierbleiben. Syrien ist nicht mehr der Platz für mich“, sagt die 42-Jährige. Sie sagt es mit einer Gewissheit, die keinen Raum für Zweifel lässt, und Myla Blumenkamp, die den Ausführungen ihrer Kollegin ebenso ergriffen gelauscht hat wie der Fragensteller vom DOSB, kann nicht anders, als ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. „Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Dafür, dass Menschen wie Roua so etwas sagen können, machen wir unseren Job. Es ist so schön zu hören, dass es für sie so gut funktioniert hat“, sagt Myla, die im Landessportbund Rheinland-Pfalz als Referentin für das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) angestellt ist.
Welch herausragende Rolle Sporttreiben im Verein für die Integration von Menschen spielen kann, die aus aller Welt nach Deutschland kommen, ist ein viel zitierter Fakt, wenn es darum geht, die Bedeutung des Sports für die Gesellschaft zu unterstreichen. Begreifbar wird diese Botschaft immer dann, wenn konkrete Beispiele Geschichten von Menschen erzählen, die diese Integrationskraft erlebt haben. Wobei das im Fall von Roua Al Barkomi zu kurz greift, denn sie hat diese Kraft nicht nur erlebt. Die ehemalige Leistungsturnerin, die syrische Meisterin am Schwebebalken war, ist selbst zur integrativen Kraft geworden; zu einer anerkannten Übungsleiterin, die in mehreren Vereinen und unterschiedlichsten Projekten insbesondere Frauen, die ähnliche Lebensumstände erlebt haben wie sie, ein Vorbild ist.
Die Familie kam 2016 aus Abu Dhabi nach Deutschland
2016 war die in der drittgrößten syrischen Stadt Homs geborene und aufgewachsene Spitzenathletin in Begleitung ihres Ehemanns und ihrer heute 19 und 21 Jahre alten Söhne ins Rheinland gekommen. Allerdings nicht aus ihrem vom Bürgerkrieg zerrütteten Geburtsland, sondern aus Abu Dhabi, wo die Familie 13 Jahre lang gelebt hatte. „Dort habe ich als Sportlehrerin an einer Schule gearbeitet, aber wir haben in Deutschland eine bessere Perspektive gesehen und sind deshalb hier hergekommen“, sagt die studierte Wirtschaftsmanagerin. Sie kamen in ein Land, dessen Kultur und Sprache ihnen vollkommen fremd war. 2017 brachte Roua ihre Tochter zur Welt – drei Jahre später brach das Leben, das sie bis dahin gelebt hatte, zusammen. Ihr Mann ließ sie mit drei Kindern sitzen. „Ich konnte die Sprache nicht, hatte keinen Job und stand plötzlich wieder komplett am Anfang“, erinnert sie sich.
Doch anstatt sich dem Selbstmitleid zu ergeben, ergriff Roua die Initiative. „Ich wollte nicht herumsitzen und trauern, ich wollte etwas schaffen, um meinen Kindern und mir eine gute Perspektive geben zu können“, sagt sie. Und sie wollte keinesfalls von Sozialleistungen abhängig bleiben. Die Putzjobs, die man ihr anfangs im Jobcenter anbot, nahm sie zwar an. „Aber mir war klar, dass das nicht mein Ziel sein konnte! Am liebsten wollte ich im Sport arbeiten, denn Sport ist für mein Leben so wichtig wie Wasser“, sagt sie. Und weil sie dieses Ziel beharrlich verfolgte, kam sie über ein Weiterbildungsprojekt des Jobcenters in Kontakt mit Milan Kocian. Der Referent des IdS-Programms in Rheinland-Pfalz vermittelte sie an die CTG Koblenz, wo sie als Trainerin für eine Leistungsgruppe im Turnen einsteigen konnte. Es war der Startpunkt einer Entwicklung, die mustergültig für das steht, was Integration durch Sport erreichen möchte – und kann.
„Für mich war immer klar: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich“
Seine Abschiedstour ist längst angepfiffen. Anfang März gab Patrick Ittrich bekannt, seine Karriere als Schiedsrichter im Profifußball zum Ende der laufenden Saison aufgeben zu wollen. „Ich war oft verletzt und habe mich immer wieder herangekämpft. Nun bin ich seit Monaten fit, erfahre eine tolle Resonanz auf meine Spielleitungen – das ist vielleicht der beste Zeitpunkt, um aufzuhören“, sagt der 47-Jährige, der am vergangenen Sonntag das Drittliga-Spitzenspiel zwischen dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus leitete. Der meinungsstarke und allseits für seine menschliche Art der Spielleitung geschätzte Hamburger wird dem Fußball fehlen; seinen Blick auf wichtige Themen des Sports und der Gesellschaft wird man aber nicht missen müssen. Einen Monat vor dem Trikottag im DOSB, mit dem wir am 13. Mai zum vierten Mal auf die Kraft des Ehrenamts in Sportvereinen aufmerksam machen, spricht der Polizeioberkommissar über seine Erfahrungen mit dem Schiedsrichterwesen und darüber, was ihn sein Hobby für das Leben gelehrt hat.
DOSB: Patrick, welches Trikot wirst du am 13. Mai tragen?
Patrick Ittrich: Ich habe mich noch nicht entschieden. Als Schiedsrichter muss ich ja stets darauf achten, dass mir niemand die Neutralität abspricht und man mir eine Parteinahme übelnehmen könnte. Aber vielleicht trage ich tatsächlich ein Trikot meines Hamburger Heimatvereins Mümmelmannsberger SV, wenn ich eins finde, das mir noch passt. Meine Jugendtrikots sind leider ein bisschen zu klein geworden.
Als Schiedsrichter tragt ihr ja auch ein Trikot, seid wahrscheinlich sogar das größte Team Deutschlands. Gibt es ein Teamgefühl unter den Schiedsrichtern?
Das gibt es auf jeden Fall. Im Kleinen besteht dieses Team aus dem Schiedsrichter und seinen Assistenten. Natürlich ist es so, dass, je höher man aufsteigt, die anderen Schiedsrichterteams zu Konkurrenten darum werden, wer das attraktivste Spiel des Wochenendes leiten darf. Man kann uns deshalb in der Gesamtheit nicht unbedingt als eine große Mannschaft begreifen. Aber es ist doch so: Wenn ein Schiedsrichter eine falsche Entscheidung trifft, wird es oft auf die Gesamtheit der Schiedsrichter umgebrochen. Deshalb habe ich stets versucht, auf eine gute Kameradschaft untereinander zu achten und die Konkurrenz nicht ausufern zu lassen. Wir Schiedsrichter sitzen alle in einem Boot.
Gilt das nur für den Fußball oder sportartenübergreifend? Gibt es einen Austausch zwischen Schiedsrichtern, aus dem ihr gegenseitig lernen könnt?
Ich habe vor einigen Jahren privat ein solches Netzwerk initiiert, mit eigenem Podcast und anderen Formaten, weil ich großes Potenzial darin sehe, sich sportartenübergreifend auszutauschen. Ich habe von diesem Netzwerk sehr profitiert, denn man kann sehr viel aus den Erfahrungen in anderen Sportarten lernen. Schauen wir nur auf das Thema Videoassistent. Da sind einige andere Sportarten, wie zum Beispiel Hockey, Eishockey oder American Football, viele Jahre weiter. Sie haben allerdings auch unterschiedliche Regelwerke, so dass man die Sportarten nicht eins zu eins miteinander vergleichen kann. Dennoch gibt es einige Aspekte, die auch auf den Fußball übertragbar sind. Ich glaube, wir müssten diesen Austausch noch viel intensiver suchen, da liegen eine Menge Chancen auf der Straße, die wir nur aufzusammeln bräuchten.
Der Trikottag macht auf die Bedeutung des Ehrenamts im Sportverein aufmerksam. Schiedsrichterei wird ja gemeinhin schon von Beginn an vergütet. Warum fühlt es sich auf unteren Ebenen dennoch wie ein Ehrenamt an?
Weil es keine Vergütung, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung ist, die man im Amateurbereich erhält, und der ist ja mit Abstand der größte Teil, in dem Schiedsrichter ihr Amt ausüben. Man muss beachten, dass eine Spielleitung immer mit Arbeit und auch finanziellem Aufwand verbunden ist. Es braucht eine Vorbereitung, man muss sich die Ausrüstung selber anschaffen, muss sich fortbilden. Auf jeden Fall sollte allen, die mit der Schiedsrichterei beginnen, klar sein: Es ist ein Ehrenamt, ein Hobby, die allerwenigsten werden es zu ihrem Beruf machen. Und deshalb muss es auch Spaß machen!
Schiedsrichter müssen unparteiisch sein, haben aber natürlich alle einen Heimatverein, möglicherweise auch einen Lieblingsverein. Wie hast du es geschafft, diese Diskrepanz zu überbrücken und die Unparteilichkeit zu deinem Leitmotiv werden zu lassen?
Ich bin überzeugt davon, dass man ein spezieller Typ sein muss, um Schiedsrichter zu werden. Komplette, 100-prozentige Unparteilichkeit ist wirklich unheimlich schwierig zu erlangen. Aber sie ist unser höchstes Gut, ich identifiziere mich damit vollkommen. Je professioneller du pfeifst, desto mehr legst du Parteilichkeit ab. Ich behaupte, dass für mich immer schon klar war: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich. Ich beurteile ausschließlich auf Basis des Regelwerks und nach bestem Wissen und Gewissen. Parteiisch zu sein, das passte noch nie zu meinem Koordinatensystem, mir war auch bewusst, dass es mir schaden würde. Aber es ist auch ein Lernprozess.
Was hat dich persönlich dazu bewogen, Schiedsrichter zu werden?
Ehrlich gesagt wurde ich damals dazu ermutigt. In unserem Verein gab es, wie in vielen anderen Vereinen auch, zu wenige Schiedsrichter. Unser Obmann hat dann zwei Kumpels und mich angesprochen, ob wir den Lehrgang machen wollen würden. Die beiden anderen haben zugesagt, ich hatte keine Lust. Ein Jahr später, da war ich 15, haben sie mich überredet. Es würde total viel Spaß machen und mir bestimmt gut liegen, haben sie gesagt. Na gut, habe ich gedacht, dann gehe ich halt mal hin. Und was soll ich sagen: Schon in meinem ersten Spiel habe ich gespürt, dass das was für mich sein könnte. Wie der Zufall es wollte, wurde ich sehr schnell von einem Schiedsrichterbeobachter als Talent entdeckt und gefördert. Und dann kam eins zum anderen.
Wenn du dich an deine Anfangszeit erinnerst: Wie schwierig war es damals, Menschen für das Amt zu gewinnen?
Ich kann das nicht mit empirischen Daten belegen. Es gab die Typen wie mich, die ermutigt werden mussten. Aber es gab auch viele, die das gern machen wollten, die sogar Idole unter den Schiedsrichtern hatten, denen sie nacheifern wollten. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, das Verhältnis war 50:50.
Ist es heute schwieriger oder leichter, und warum?
Das ist eine sehr interessante Frage, die ich auch nicht eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite wird es immer schwieriger, weil wir es uns im Fußball oft selbst schwer machen. Die negativen Seiten des Amtes – hoher Druck, Konfrontation mit verbaler und körperlicher Gewalt, Umgang mit Fehlern – werden oft zusätzlich in ein schlechtes Licht gerückt, was es schwierig macht, junge Menschen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Amt ist. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren über einige wichtige Projekte die Nachwuchsgewinnung ankurbeln können, wir sind aktuell bei rund 60.000 Schiedsrichtern in Deutschland, und diese Zahl bezieht sich nur auf den Fußball! Das ist eine enorme Zahl, und ich finde, dass wir mit unserer Art, uns und unser Amt zu präsentieren, sehr viel beeinflussen können.
Trikottag
Was ist der Trikottag?
Der Trikottag ist der nationale Feiertag für den Vereinssport in Deutschland. Er ist eine Aktion des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen. Beim Trikottag geht es darum, Sichtbarkeit für die Sportvereine zu schaffen und für das, was sie tagtäglich für die Menschen und für unsere Gesellschaft leisten. Sport im Verein trägt zur Gesundheit der Menschen bei, er verbindet, ist Motor für Integration und Inklusion und einer der ganz wenigen Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder anderer Merkmale.
Jede Woche beteiligen und engagieren sich Millionen von Menschen in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland. Dieses Engagement und diese Vielfalt wollen wir gemeinsam einen Tag lang auch im Alltag zeigen und sichtbar machen.
Fahrradfahren für mehr Unabhängigkeit
Das ehrenamtliche und freiwillige Engagement bildet das Fundament des Vereinssports in Deutschland. Ohne die Millionen Engagierten wären die vielfältigen Angebote im Freizeit-, Gesundheits- und Wettkampfsport nicht denkbar. Mit unserem Format „Engagement der Woche“ stellen wir regelmäßig Menschen und Vereine vor, die diese tragende Säule des Sports sichtbar machen und dafür von den Sternen des Sports ausgezeichnet wurden. In dieser Woche präsentieren wir den Verein „Move and Meet“ aus Münster.
Selbständigkeit, Flexibilität und Teilhabe
„Viele Frauen, die zu uns kommen, hatten bisher keine Möglichkeit, Fahrradfahren zu lernen. Dabei bedeutet es für die meisten im Alltag: Selbstständigkeit, Flexibilität und Teilhabe.“ So beschreibt Laura Verweyen die Bedeutung des Projekts „Bike and Meet“ des Münsteraner Vereins Move and Meet e.V..
Für viele Menschen ist Fahrradfahren selbstverständlich. Für andere hingegen ist es ein unerfüllter Wunsch oft verbunden mit Angst vor Stürzen und dem Straßenverkehr, fehlenden Möglichkeiten oder strukturellen Hürden. Genau hier setzt das Angebot des Sport- und Bildungsvereins an: Gemeinsam mit anderen Frauen in einem geschützten Raum lernen, sich auf dem Fahrrad sicher zu bewegen.
Ein eigenes Fahrrad ist für eine Kursteilnahme nicht nötig. Fahrräder und Helme stehen für die Kurse bereit und geschulten Trainerinnen begleiten die Teilnehmerinnen vom Gleichgewichtstraining bis zum sicheren Verhalten im Straßenverkehr. „Einige Frauen haben schon erste Erfahrungen mit dem Rad gemacht, sind aber durch Stürze oder langen Pausen verunsichert“, erklärt Verweyen. „Als Kurseinstieg beginnen wir deshalb mit Gleichgewichtstraining, dann geht es an das Bremsen, Anfahren, Kurvenfahren und den Schulterblick. Später kommt die Straßenverkehrsordnung dazu. Am Ende der 8 bis 10-wöchigen Kurse bieten wir auch noch Reparaturworkshops an.“
Sport und Bewegung: Unverzichtbare Säulen der Gesundheit
In einer Zeit, in der Bewegungsmangel zunehmend zu gesundheitlichen Problemen führt, unterstreicht der DOSB die wichtige Rolle regelmäßiger körperlicher Aktivität als Grundlage für ein gesundes und aktives Leben. Der organisierte Sport bietet mit seinen breiten- und gesundheitssportlichen Angeboten in seinen rund 86.000 Vereinen weit mehr als Freizeitbeschäftigungen – sie sind essenziell für körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden.
Bewegung als Schlüssel zur Prävention
Regelmäßige körperliche Aktivität stärkt das Herz-Kreislauf-System, verbessert die Muskulatur und fördert die Beweglichkeit. Gleichzeitig reduziert sie das Risiko für zahlreiche Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Rückenbeschwerden. Auch auf die Psyche hat Bewegung eine nachweislich positive Wirkung: Stress wird abgebaut, die Stimmung verbessert sich, und das allgemeine Wohlbefinden steigt. Gerade in einer zunehmend sitzenden Gesellschaft wird es immer wichtiger, gezielt für Ausgleich zu sorgen. Schon moderate Bewegung – wie zügiges Gehen, Radfahren oder gezielte Gymnastik – kann einen großen Unterschied machen.
Qualitätsgeprüfte Angebote
Insbesondere Kurse, die mit dem Siegel SPORT PRO GESUNDHEIT ausgezeichnet sind, bringen Transparenz und Verlässlichkeit für die Teilnehmenden. Dieses Qualitätssiegel steht für geprüfte Präventionsangebote, die gezielt auf die nachhaltige Förderung der Gesundheit ausgerichtet sind. Kurse mit diesem Siegel zeichnen sich durch mehrere wichtige Merkmale aus:
- Wissenschaftlich fundierte Inhalte: Die Programme basieren auf aktuellen sportwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen.
- Qualifizierte Kursleitungen: Die Übungsleitungen verfügen über spezielle Ausbildungen im Gesundheitssport.
- Zielgerichtete Prävention: Die Kurse sind darauf ausgelegt, gesundheitliche Ressourcen zu stärken.
- Individuelle Anpassung: Teilnehmende werden entsprechend ihrer persönlichen Voraussetzungen zielgruppenspezifisch betreut.
Fair Play Preise des Deutschen Sports 2025 an Tabea Frohn und Julian Köster
Stifter des jährlich vergebenen Fair Play Preises des Deutschen Sports sind der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS). Sie ehren Personen und Initiativen, die Respekt, Freundschaft oder Solidarität auf und neben dem Platz vorleben – und sich durch ihr Engagement für eine inklusive Sportkultur auszeichnen.
Tabea Frohn: Eine faire und menschliche Geste
Die Breitensportlerin ordnete ihren Erfolg während eines Triathlons unter, um einer kollabierten Freundin zu helfen – und kam als eine der Letzten ins Ziel.
„Diese Geste ist gleichermaßen fair und menschlich. Sie erinnert uns auch an den letztjährigen Hauptpreisträger Noah Steinert, der bei einem Grundschulwettbewerb einem verletzten Freund zur Seite stand“, sagt Prof. Dr. Manfred Lämmer, Vorsitzender der Jury und Vorstandsmitglied der Deutschen Olympischen Akademie (DOA). „Dass – wie sich im Nachhinein herausstellte – die betroffene Athletin im Wettkampf einen Herzinfarkt erlitt, macht das Handeln von Tabea Frohn umso wertvoller.“
„Sportvereine leisten einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheitsförderung.“
DOSB: Der Weltgesundheitstag lenkt den Blick auf Prävention und Lebensqualität. Welche Rolle spielt Bewegung aus Ihrer Sicht für die Gesundheit?
Ralf Gottfried: Bewegung ist aus meiner Sicht eine zentrale Grundlage für Lebensqualität in allen Lebensphasen. Sie wirkt präventiv, stärkt sowohl körperliche als auch mentale Gesundheit und schafft einen wichtigen Ausgleich im Alltag. Gerade in einer zunehmend bewegungsarmen Gesellschaft wird Bewegung zu einer bewussten Entscheidung für die eigene Gesundheit. Entscheidend ist dabei, dass Bewegung individuell angepasst werden kann. Vom Kindesalter bis ins hohe Alter bietet sie die Möglichkeit, Menschen genau dort abzuholen, wo sie stehen. Diese Flexibilität macht Bewegung zu einem der wirkungsvollsten Instrumente für nachhaltige Gesundheitsförderung.
Sie engagieren sich seit vielen Jahren im Gesundheitssport, unter anderem als DOSB‑lizenzierter Trainer, im Steuerkreis „Bewegung mit Herz“ und als Demenz‑Partner. Was treibt Sie persönlich an, sich so intensiv für Bewegung und Gesundheit einzusetzen?
Mein Antrieb ist stark durch meine eigenen Erfahrungen im Sport geprägt. Vor der Gründung von movePROsport e.V. war ich im Leistungssport als Trainer tätig. In diesem Umfeld wurde Leistung sehr gezielt entwickelt, das Thema Prävention hingegen häufig nicht systematisch in den Trainingsalltag integriert. Oft wurde Prävention den Athleten selbst überlassen, beispielsweise durch individuelle Maßnahmen oder lockere Laufeinheiten. Für mich war das weder nachhaltig noch zielgerichtet. Ich habe früh erkannt, dass Prävention genauso strukturiert, professionell und verbindlich umgesetzt werden muss wie leistungsorientiertes Training. Mit movePROsport e.V. haben wir genau hier angesetzt und eine Struktur geschaffen, in der Prävention im Mittelpunkt steht. Unser Ziel ist es, Menschen aktiv dabei zu unterstützen, langfristig gesund, leistungsfähig und motiviert zu bleiben.
Strahlemann und Stinkefinger – wie Leon Ulbricht zum Gesamtweltcupsieger wurde
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es in der weiten Welt der Sprichwörter. Wer über WhatsApp mit Leon Ulbricht kommuniziert, sieht in dessen Account ein Profilbild. Es zeigt einen blonden Jungen, der frech in die Kamera strahlt und dabei beide Mittelfinger in die Höhe streckt. Aufgenommen wurde es vor ungefähr zwölf Jahren im Familienurlaub von seinen Eltern. Und auch wenn dem damals Achtjährigen die Symbolik dieses Fotos selbstverständlich nicht bewusst sein konnte, drückt es heute ziemlich exakt das aus, was den 21-Jährigen zum Gesamtweltcupsieger im Snowboardcross gemacht hat: Leon Ulbricht ist ein zugänglicher, fröhlicher Mensch, der am liebsten Spaß bei allem hat, was er tut. Aber er macht die Dinge auf seine Weise und lässt sich von anderen nicht beirren. Strahlemann und Stinkefinger, das ist die Erfolgsmischung. Und weil der Topathlet vom SC Rötteln ein Mensch ist, der reflektiert auf sein eigenes Tun schaut, ist es umso spannender, mit ihm einen Rückblick auf seine aufregende Saison zu werfen.
Am Mittwochmorgen, als er zur verabredeten Zeit den Anruf entgegennimmt, ist Leon Ulbricht noch immer etwas „verjetlagt“. Das Saisonfinale fand in Mont-Sainte-Anne statt, im kanadischen Bundesstaat Québec, erst am Montagmorgen war die Mannschaft wieder in München gelandet. Das für Dienstagvormittag geplante Telefonat mit dem DOSB hatte Leon abgesagt, weil er wegen des Neuschnees in den Alpen spontan zum Boarden wollte. „Ich hatte einfach Bock drauf, auch wenn das aus der Perspektive der Regeneration vielleicht nicht sinnvoll war. Aber die Saison ist ja nun vorbei und ich kann solche Sachen machen“, sagt er. Und ist damit schon mittendrin in der Analyse, denn es scheint genau dieses Lustprinzip zu sein, das dem Sportsoldaten die notwendige Lockerheit verleiht, um auch nach schweren Rückschlägen nicht die Freude an seinem Sport zu verlieren.
Einen solchen schweren Rückschlag hatte Leon im Februar zu verkraften. Bei den Olympischen Spielen in Italien hatte er sich durchaus Medaillenchancen ausgerechnet. Die Trainingsform stimmte, in der Qualifikation für das Rennen in Livigno fuhr er die drittbeste Zeit und hinterließ mit seinem herausragenden Startverhalten und der dominanten Rennführung bei allen Beobachtenden den Eindruck, dass der Weg zum Gold nur über ihn führen könnte. Dann jedoch kam das Viertelfinale, in dem neben dem Italiener Lorenzo Sommariva und dem US-Amerikaner Nick Baumgartner auch Team-D-Kollege Martin Nörl (32/DJK-SV Adlkofen) zum Viererfeld zählte. In einer Linkskurve kollidierten Nörl und Baumgartner leicht, der Deutsche rutschte über die Piste und räumte dabei seinen jungen Teampartner ab. Aus der Traum von einer Medaille, die greifbar schien. Leon brauchte im Livigno Snow Park viel Zeit, um den Frust zumindest derart in den Griff zu bekommen, dass er sich den Medien stellen konnte.
Sein Motto: Spaß haben, dann kommen Titel von selbst
Vollkommen verarbeitet hat er das Geschehene auch gut sechs Wochen später noch nicht. „Es beschäftigt mich noch immer, ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich irgendetwas hätte anders machen können“, sagt er. Während der gesamten Saison 2025/26 habe er keine ähnliche Situation geschweige denn einen Sturz erlebt, „es war mein zweitschlechtestes Resultat dieses Winters. Dass das ausgerechnet bei Olympia passiert, ist natürlich bitter“, sagt er. Wahrscheinlich seien es diese zwei, drei Prozent mehr Anspannung, die im Feld spürbar seien, die dazu führten, in engen Situationen doch mehr Risiko zu nehmen, als man es im Weltcup tun würde. „Und dann passieren solche Sachen, für die ich auch im Nachhinein niemandem die gesamte Schuld gebe.“
Umso interessanter war die Reaktion, die Leon Ulbricht auf das olympische Desaster zeigte. Er gewann das erste Weltcuprennen nach den Spielen, fuhr zwei weitere Male aufs Podium und reiste als Führender der Gesamtwertung zum Abschlusswettbewerb nach Kanada, mit einem Punkt Vorsprung auf den Franzosen Aidan Chollet (21), mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, und 42 Zähler vor dem Australier Adam Lambert (28). Zu irgendwelchen Rechenspielen habe er sich deshalb aber nicht verleiten lassen, sagt er: „Mir geht es immer darum, Rennen zu gewinnen. Ich war auch nicht aufgeregter als sonst, sondern habe mir einfach gedacht: Zieh dein Ding durch und schau, was am Ende dabei herauskommt!“
Diese Taktik ist es, die sein sportliches Leben bestimmt, er beschreibt sie auch auf seiner Homepage. „Mein Traum ist es, mich an die Weltspitze im Snowboardcross zu setzen und dort einfach Spaß zu haben. Dabei spielen für mich irgendwelche großen Titel eher eine nebensächliche Rolle, das kommt dann schon von selbst“, steht dort zu lesen. Den Beweis dafür lieferte er in Kanada. Chollet schied im Viertelfinale aus. Lambert gewann zwar das Große Finale, aber weil Leon direkt auf Rang zwei folgte, reichte der Sieg dem Australier nicht zur Aufholjagd. Den ersten großen Titel hat er eingefahren, den Weg in die Weltspitze ist er gegangen – und Spaß hat es auch gemacht, und das nicht zu knapp. „Ich denke, dass wir sagen können, dass unser Plan ganz gut aufgegangen ist“, sagt er.
Sport als Motor für Entwicklung und Frieden
Der Internationale Tag des Sports für Entwicklung und Frieden erinnert jedes Jahr am 6. April an die besondere Rolle des Sports für eine gerechtere und friedlichere Welt. Das Datum verweist auf die Eröffnung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen und steht sinnbildlich für die Werte der Olympischen Idee: Respekt, Solidarität und internationale Verständigung.
Sport ist als wirkungsvolles Instrument zur Umsetzung der Agenda 2030 und der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) international anerkannt. Bildung, Gesundheit, Gleichstellung und gesellschaftliche Teilhabe lassen sich durch Sport nachhaltig fördern. Seit der Partnerschaft zwischen den Vereinten Nationen und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wird dieser Ansatz weltweit gestärkt.
Ein besonderes Zeichen setzt die Olympische Bewegung mit den Youth Olympic Games Dakar 2026, die erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden. Unter dem Motto „Africa welcomes – Dakar celebrates“ rücken die Spiele junge Menschen, Wertevermittlung und nachhaltige Sportentwicklung in den Mittelpunkt und unterstreichen die Bedeutung Afrikas für die Zukunft des Sports.
„Der Sport hat im Grunde seine eigene Sprache – und baut damit Hürden ab.“
Mit unserer IdS-Interviewreihe geben wir 2026 den Menschen eine Stimme, die „Integration durch Sport“ täglich mit Leben füllen - und zeigen, warum das Bundesprogramm für den organisierten Sport und unsere Gesellschaft unverzichtbar ist. Teil 5 mit Daniel Dwars, Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
DOSB: Welche Rolle spielt das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ aus Sicht des BAMF in der Integrationslandschaft?
Daniel Dwars: Das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ spielt eine ganz wesentliche Rolle in der Integrationslandschaft und in der Integrationsförderung des Bundes. Es kann auf bald auf vier Jahrzehnte Erfahrungen und Erfolge zurückblicken. Es hat sich über Jahre hin bewährt, weiterentwickelt und ist auch Krisen begegnet. Ein so langfristig gewachsenes und zugleich anpassungsfähiges Förderprogramm, dass so viele Menschen über die Jahre erreicht hat, ist für die Integrationsarbeit in Deutschland von zentraler Bedeutung.
Warum ist Sport ein besonders wirksames Feld für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Der Sport verbindet Menschen. Er ist leicht zugänglich und schafft aktive soziale Teilhabe. Hemmnisse wie fehlende Sprachkenntnisse treten dabei oft in den Hintergrund, weil Kommunikation im Sport stark über Bewegung, gemeinsames Handeln und nonverbale Verständigung funktioniert. Damit hat der Sport im Grunde seine eigene Sprache, die von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft beherrscht werden kann. Diese Möglichkeit des Austauschs über den Sport baut Hürden ab, schafft echte Begegnungsräume. Das stärkt die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte, aber gleichzeitig auch die interkulturelle Öffnung der Verbände und Sportvereine.
Anna-Lena Forster ist Sportlerin des Monats
Die Monoskifahrerin und Paralympics-Siegerin setzte sich bei der Abstimmung durch die rund 4000 von der Sporthilfe geförderten Athletinnen und Athleten mit 59,1 Prozent deutlich gegen weitere deutsche Medaillengewinnerinnen und -gewinner der Spiele durch. Forster hatte in Norditalien mit herausragenden Leistungen geglänzt. Als "Golden Girl" gefeiert, war die 30-Jährige allein für die Goldausbeute des deutschen Teams verantwortlich. In Abfahrt und Riesenslalom fuhr die Freiburgerin zum Sieg und holte dazu in der Super-Kombination Silber.
Rang zwei bei der Wahl ging an die Silbermedaillen-Gewinner der offenen Staffel im Para-Skilanglauf (Marco Maier, Sebastian Marburger, Linn Kazmaier mit Guide Florian Baumann, Theo Bold mit Guide Jakob Bold/9,1 Prozent). Rang drei sicherte sich Marco Maier (8,3 Prozent), der neben Silber in der Staffel drei Bronzemedaillen im Para-Biathlon gewann (Sprint, Verfolgung, Einzel).
Für ihre herausragenden Leistungen wurden die Athletinnen und Athleten von der Athletenkommission im DOSB, SPORT1 und von der Sporthilfe für die Wahl nominiert.
Anders als bei Medien- oder Publikumswahlen entscheiden bei der Wahl zur Sportlerin bzw. zum Sportler des Monats ausschließlich Deutschlands beste Nachwuchs- und Spitzenathletinnen und -athleten. Dadurch erhält die Auszeichnung ihre besondere sportliche Wertigkeit. Zu Beginn eines jeden Monats stellt die Sporthilfe den rund 4.000 geförderten Athletinnen und Athleten drei Kandidatinnen oder Kandidaten zur Wahl, die sich im Vormonat durch herausragende Leistungen empfohlen haben. Die Stimmabgabe erfolgt per Online-Voting.
(Quelle: SID)
Sport und Bewegung fördern – Gesundheitskosten senken
Sport und Bewegung fördern – Gesundheitskosten senken
Angesichts der dramatisch wachsenden Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung fordert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), Sport und Bewegung als zentralen Baustein einer wirksamen Präventions- und Gesundheitspolitik strukturell zu stärken. Der organisierte Sport erreicht Millionen Menschen, wirkt präventiv über alle Altersgruppen hinweg und kann einen entscheidenden Beitrag leisten, Gesundheitskosten langfristig zu senken.
Die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung spitzt sich dramatisch zu. Die Finanzkommission Gesundheit des Bundesministeriums für Gesundheit beziffert die bestehende Finanzierungslücke auf über 15 Milliarden Euro im Jahr 2027. Bis 2030 soll sie auf mehr als 40 Milliarden Euro anwachsen. In der aktuellen Debatte um Einsparungen und Strukturreformen fehlt aus Sicht des DOSB jedoch ein zentraler strategischer Hebel: eine systematische Stärkung von Sport und Bewegung.
Ab sofort bewerben für die „Sterne des Sports“ 2026
Ob in den wichtigen Bereichen Bildung und Qualifikation, Gesundheit und Prävention, Klimaschutz und Demokratieförderung oder in der täglichen Vereinsarbeit bei Themen wie Mitgliedergewinnung, Digitalisierung oder Ehrenamtsförderung: Gesucht werden Ideen und Projekte, die das Vereinsleben voranbringen und damit die wichtige Rolle der Sportvereine in unserer Gesellschaft stärken. Alles, was dazu beiträgt, hat die Chance auf eine Auszeichnung bei den „Sternen des Sports“.
Von der lokalen Bronzeebene über die regionale Silber-Auszeichnung bis hin zur Bundesebene in Gold winken zahlreiche Preise. Der Gewinnerverein des „Großen Stern des Sports“ in Gold wird Anfang 2027 in Berlin geehrt und erhält ein Preisgeld von 10.000 Euro.
KI im Sportverein: Sechs praxisnahe Tipps
Sportvereine und -verbände stehen vor der Herausforderung ihre Strukturen zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Digitale Werkzeuge spielen dabei eine immer größer werdende Rolle. KI kann helfen, Arbeitsprozesse zu vereinfachen, Kommunikation zu verbessern und Engagierte oder Hauptberufliche gezielt zu entlasten, wenn sie verantwortungsvoll und zielgerichtet eingesetzt wird.
Studien, Praxisbeispiele und Fachforen im organisierten Sport haben gezeigt, dass die KI sich besonders für Textarbeit, Kommunikation, einfache Auswertungen und administrative Prozesse eignet. Gleichzeitig braucht es klare Regeln, Schulung und einen verantwortungsvollen Umgang, insbesondere beim Schutz von Mitgliederdaten und persönlichen Informationen. Wir haben für euch mit Hilfe der KI selbst, fünf praxisnahe Tipps und Anregungen zusammengestellt.
„Nur in den Sonnenuntergang zu schauen, das wäre mir doch zu wenig“
Er sei eine „Humörbombe“, hat der frühere dänische Fußball-Nationalspieler Thomas Gravesen einst gesagt - und damit einen Kultbegriff geschaffen. Allerdings kannte der exzentrische Kicker, der in der Bundesliga für den Hamburger SV spielte, Folker Hellmund nicht, sonst hätte er sich maximal als „Humörböller“ bezeichnen dürfen. Denn der Mann, der seit 2009 das EOC-EU-Büro in Brüssel als Direktor leitet, ist in den wochentäglichen Morgenkonferenzen der Führungsebene des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) der Stimmungsgarant. Nun jedoch muss ein Nachfolger für den Gute-Laune-Stifter gefunden werden. An diesem Dienstag hat der 65-Jährige seinen letzten Arbeitstag - und natürlich darf der gebürtige Nienburger nicht gehen, ohne in einem Abschiedsinterview Bilanz zu ziehen.
DOSB: Folker, nach mehr als 17 Jahren an der Spitze des EOC-EU-Büros läutet für dich heute die letzte Glocke. Mit welchen Emotionen gehst du in den Ruhestand?
Folker Hellmund: Es gibt drei Möglichkeiten, mit so einem Schritt umzugehen. Entweder hat man schon vor Monaten aufgegeben und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Arbeit und Rente. Oder man ackert bis zum letzten Tag, wacht dann am nächsten Morgen auf und denkt: Irgendwas ist komisch heute. Oder, und für diese Möglichkeit habe ich mich entschieden: Man arbeitet mit Freude bis zum letzten Tag, hat aber einen Plan für die Zeit danach gemacht.
Wie sieht dieser Plan aus?
Meiner gilt zunächst für einige Monate. Zunächst reise ich im April mit meiner Frau nach Japan, danach stehen einige Radtouren mit Freunden an. Im Mai feiere ich im DOSB meinen Ausstand, im Juni besuche ich einen Freund auf Mallorca und schaue mit ihm die Fußball-WM. Und ich plane, mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Mein Sohn lebt in Göttingen, meine Tochter in Frankfurt. Die werde ich häufiger besuchen, sofern sie nicht schnell genervt sind von mir.
Du hast nie den Eindruck hinterlassen, von deiner Arbeit genervt zu sein. Wie sehr, fürchtest du, wird sie dir fehlen?
Es mag abgedroschen klingen, aber für mich war der Job wirklich Berufung und nicht nur Beruf. Es war viel mehr als ein normaler Arbeitsplatz, immerhin hatte ich die Ehre, der Erste zu sein, der das EOC-EU-Büro leitet. Ich hatte mich schon 1993, als das EU-Büro des deutschen Sports gegründet wurde, um die Leitungsstelle beworben und bin hinter Christophe de Kepper Zweiter geworden. Ich habe mich also schon vor mehr als 30 Jahren mit der Thematik befasst und bin sehr dankbar, dass ich 2007 die Chance bekommen habe, die Leitung zu übernehmen und zwei Jahre später das Konzept des EOC-EU-Büros umzusetzen. Wie sehr es mir fehlen wird, kann ich ehrlich gesagt noch nicht einschätzen. Ich glaube, dass ich die Beschäftigung mit den Themen, die mir am Herzen liegen, sehr vermissen werde. Es war mir immer extrem wichtig, dass der Sport die Wertschätzung bekommt, die er aus meiner Sicht verdient, und daran mitzuarbeiten, ihn auf EU-Ebene zu verankern und auf Bereiche auszudehnen, die nicht unmittelbar mit Sport zu tun haben, war eine große Bereicherung. Aber ich habe auch nicht vor, mich komplett aus allem herauszuziehen. Ich möchte mich weiter informiert halten, deshalb wird die Lücke, die nun entsteht, vielleicht gar nicht so groß werden.
Worin lag vor fast 20 Jahren, als du ins EU-Büro des deutschen Sports gewechselt bist, dein Anreiz, dich auf europäischer Ebene für den Sport einzusetzen?
Dieser Anreiz, mich international zu betätigen, war ja schon viel länger da. Ich habe 15 Jahre in Brüssel für das Hanse-Office, die Landesvertretung Hamburgs und Schleswig-Holsteins, gearbeitet und das politische Umfeld kennen gelernt. Deshalb wusste ich, dass es mir in der neuen Tätigkeit gefallen würde. Schon während meines Studiums hatte sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass wir Deutschen oft zu sehr auf uns schauen. Wir sind eine große Wirtschaftsnation in Europa und haben genug eigene Themen. Aber wir können sehr viel von kleineren Nationen lernen, die oft deutlich pragmatischer handeln als wir. Und das habe ich im Sport genauso erlebt. Durch internationale Vernetzung erhalten wir so viele wichtige Impulse, und diese zu nutzen und in die deutsche Sportpolitik zu tragen, war mir stets ein Anliegen.
Hat der DOSB, der seit 2007 dein Arbeitgeber ist, dieses Anliegen stets mitgetragen? Wie war deine Arbeit im Dachverband angesehen?
Da gab es tatsächlich Unterschiede, nicht jede Führung hatte das Thema Europa/Internationales hoch auf der Agenda. Ich habe großes Verständnis dafür, dass der DOSB täglich mit vielen nationalen Themen konfrontiert ist, die selbstverständlich Priorität haben. Aber das Nationale funktioniert nicht ohne das Internationale, und bei der aktuellen Führung habe ich, nicht zuletzt auch dank der Bewerbungspläne für Olympische und Paralympische Spiele, den deutlichen Eindruck, dass das Internationale wieder stärker gewichtet wird und viel Verständnis für unsere Arbeit herrscht. Das ist sehr wichtig.
Worin lagen in deiner Anfangszeit die größten Herausforderungen?
Als ich anfing, arbeiteten vier Menschen für das EU-Büro des deutschen Sports, aber keiner kam aus Deutschland und die Anbindung an den DOSB war eher gering. Das war anfangs mein Job, das in Gang zu bringen. Dann hatten 2009 der damalige DOSB-Präsident Thomas Bach und der irische EOC-Chef Patrick Hickey die Idee, das Büro zum EOC-EU-Büro umzubauen. Aber es gab dafür keine Gebrauchsanweisung, wir mussten alles selbst entwickeln. Also haben wir uns Operational Guidelines geschrieben, die bis heute unverändert gelten. Es war eine Zeit des Aufbruchs, ich habe viel Pioniergeist verspürt. Meine wichtigste Aufgabe bestand darin, europaweit Anerkennung für das Thema zu schaffen. Zu Beginn wurde das Büro von fünf Organisationen unterstützt: dem IOC, dem EOC, dem DOSB, der Bundessportorganisation Österreichs und dem französischen Sportverband. Mir war klar: Wenn wir eine Zukunft haben wollten, mussten wir eigenes Personal einstellen und vor allem Einnahmen generieren. Dafür mussten wir Dienstleistungen entwickeln, die für Partner aus Nationalen Olympischen Komitees und Sportverbänden interessant sein könnten.
Wie ist das gelungen?
Der Lissabon-Vertrag von 2009 hat uns zum Durchbruch verholfen. Er hat eine Grundlage für ein EU-Sportprogramm geschaffen. Das Erasmus-Förderprogramm wurde für den Sport geöffnet, was einen entscheidenden Anstoß dafür gegeben hat, dass wir Mittel generieren konnten. Unser Ziel war, vor allem an die Sportverbände heranzutreten, die häufig von EU-Rechtsprechung betroffen sind. Dazu mussten wir uns breiter aufstellen. Über die Jahre sind wir von fünf unterstützenden Organisationen auf 38 Partner gewachsen, mit dem Europaverband im Rudern kommt Nummer 39 hoffentlich bald dazu. Das hat unsere Reputation in Brüssel und in der EU erheblich verbessert. Die Dazunahme des paralympischen Sports 2024 hat das Ganze abgerundet. Mir war es immer sehr wichtig, dass wir das komplette Paket bespielen und mitdenken. Wir verstehen uns ja als Vertretung der olympischen Komitees, wir sprechen für die olympische Bewegung. Aber wir wollten immer auch über unseren Tellerrand hinausschauen.
Wenn wir auf die Dienstleistungen schauen, die ihr anbietet: Gibt es Projekte, die dir besonders am Herzen liegen, die du als dein Vermächtnis bezeichnen würdest?
Ach, Vermächtnis ist ein großes Wort. Die Legacy hat eine kurze Halbwertzeit, ich erwarte jedenfalls nicht, dass man mir hier ein Denkmal baut. Aber es gibt schon einige außergewöhnliche Projekte wie zum Beispiel Ocean oder Safe Harbour, das mittlerweile von 31 NOKs unterstützt wird, mit denen wir einen Nerv getroffen haben. Darüber bin ich sehr froh. Dazu kommt das Corporation Agreement, das die gegenseitige Zusammenarbeit und Unterstützung zwischen der EU-Kommission und dem EOC regelt, das wir vor fünf Jahren verhandelt haben und das nun bereits in der zweiten Fassung vorliegt. Das bildet eine sehr stabile Grundlage für die Zukunft. Dass wir mittlerweile außerhalb von Erasmus eine spezielle Förderung dafür bekommen, um Erfahrungen aus Projekten an Akteure weiterzugeben, die nicht Teil dieser Projekte waren, aber von den Ergebnissen profitieren könnten, unterstreicht die Qualität der Arbeit, die wir leisten.
Alfons Hölzl spricht für die Spitzenverbände im DOSB
Der Präsident des Deutschen Turner-Bundes, Alfons Hölzl ist am Samstag (28. März) in Potsdam von der Konferenz der Spitzenverbände einstimmig zum Vorsitzenden der Sprechergruppe der Spitzenverbände gewählt worden. Der 57-jährige Anwalt aus Bayern folgt Andreas Michelmann (Deutscher Handball-Bund), der das Sprecheramt seit 2022 innehatte.
„Ich freue mich sehr auf die bevorstehende Aufgabe und danke den Spitzenverbänden herzlich für das entgegengebrachte Vertrauen“, sagte Hölzl nach seiner Wahl.“ „Gerade im Kontext der Olympiabewerbung und des Sportfördergesetzes gilt es nun, gemeinsam entschlossen voranzugehen.“
Alfons Hölzl ist seit 2016 Präsident des Deutschen Turner-Bundes. Zuvor war er neun Jahre lang Präsident des Bayerischen Turnverbandes.
Weitere Mitglieder der Sprecher*innengruppe sind Mona Küppers, Jörg Brokamp, Dr. Julia Walter und Dr. Andre Sander. Neu in der Gruppe sind außerdem Gerd Kohlhofer und Michael Hölz. Weitere Mitglieder werden erst am Jahresende gewählt bzw. bestätigt.
„Ich finde, dass der DOSB öfter eine Mittlerposition übernehmen könnte“
Als Aktiver konnte er im Rettungsschwimmen mehrere Einzel-Goldmedaillen bei Europameisterschaften gewinnen und wurde zum Ende seiner Karriere Weltmeister. Seit 2020 ist Kai Schirmer Sportdirektor der Leistungssportsparte in der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), und in dieser Eigenschaft bringt sich der 38-Jährige, der aus Bielefeld stammt, in verschiedenen Bereichen ein. Die Anfrage, ob er im Rahmen unserer Serie „20 Jahre DOSB“, in der wir wöchentlich bis zum Jubiläum am 20. Mai Themen aus dem Kosmos des organisierten Sports beleuchten, die Außensicht einer Mitgliedsorganisation auf den DOSB schildern könne, nahm er gern an. „Für mich ist wichtig, dass wir den Austausch gegenseitig mit Leben erfüllen, um gemeinsam alles dafür zu tun, dass der Sport in Deutschland den Stellenwert erhält, den er verdient“, sagt er.
DOSB: Kai, du kennst die Strukturen des deutschen Sports seit vielen Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln. Wann hast du erstmals Kontakt mit dem DOSB gehabt und wie hat sich dieser über die Jahre entwickelt?
Kai Schirmer: Die Entwicklung kann ich mit der Zeit vergleichen, als ich selbst noch aktiver Athlet war. Die Zusammenarbeit mit dem DOSB hat sich über die Jahre intensiv professionalisiert. Meinen ersten Kontakt als Funktionär in der DLRG hatte ich 2017 in der Vorbereitung auf die World Games in Polen, da war ich Assistent der Bundestrainerin und wusste noch nicht viel über die Strukturen des DOSB. Damals hatte ich erstmals Kontakt zum „Games Management“. Die World Games spielten dort 2017 noch eine untergeordnete Rolle. Die Wertschätzung für unsere Athletinnen und Athleten, aber auch für das gesamte Thema hat sich enorm erhöht. Wenn ich sehe, wie professionell die Einkleidung, die Vorbereitung und die Durchführung der World Games in China im vergangenen Jahr waren, definiere ich das auch als Anerkennung unserer Arbeit, über die wir uns sehr freuen.
Der DOSB führt den Bezug zu Olympia im Namen. Ist es deines Gefühls nach innerhalb, aber vor allem auch außerhalb der Sportblase bekannt, dass auch der nicht-olympische Sport unter unserem Dach organisiert ist?
Mein Gefühl ist, dass wir uns auf einem guten Weg befinden, aber noch lange nicht da sind, wo wir gemeinsam hinwollen. Gerade im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland muss ich immer wieder erklären, warum wir mit der DLRG Teil des Nationalen Olympischen Komitees sind. Ich werde aber nicht müde, das Thema voranzutreiben. Und für mich persönlich ist das überhaupt kein Problem, dass der DOSB so heißt, wie er heißt, denn wir fühlen uns im Dachverband durchaus gesehen und wertgeschätzt. Einen Kritikpunkt habe ich aber.
Welchen?
Wir hätten uns als Gemeinschaft der nicht-olympischen Verbände gewünscht, dass auf der Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr der Veränderung der Präsidiumsstruktur zugestimmt worden wäre, damit hätte einer Person aus unserem Bereich garantiert ein Platz im Präsidium zugestanden werden können. Für die Sichtbarkeit innerhalb des DOSB wäre das ein wichtiger Schritt gewesen.
Worin siehst du die wichtigsten Aufgaben, die der DOSB zu erfüllen hat?
Er ist für mich das Bindeglied zwischen Breiten- und Leistungssport und dafür zuständig, dass beide Bereiche auskömmlich finanziert werden und sich stetig weiterentwickeln können. Und er ist die Stimme des Sports gegenüber der Politik.
Wie erfüllen wir diese Aufgaben?
Grundsätzlich zufriedenstellend, aber es gibt schon ein paar Dinge, die verbesserungswürdig sind. Ich glaube, dass der DOSB noch stärker in die Rolle des Koordinatoren gehen könnte. Es ist wegen der Verbandsautonomie selbstverständlich schwierig, in die Hoheit der Fachverbände einzugreifen. Aber ich finde, dass der DOSB öfter eine Mittlerposition übernehmen könnte. Im gegenseitigen Austausch zwischen den Verbänden können wir auch besser werden, zum Beispiel in dem Bereich, Sportlerinnen und Sportlern den Wechsel zwischen Verbänden zu vereinfachen. Wenn ein Sprinter aus der Leichtathletik als Anschieber zum Bobsport wechseln möchte, oder wenn eine Schwimmerin merkt, dass sie die olympischen Anforderungen nicht erfüllt, aber im Rettungsschwimmen die Chance hätte, bei den World Games Medaillen zu holen: Da könnte die Vernetzung noch besser funktionieren. Außerdem ist offensichtlich, dass die Sportförderung zielgerichteter werden muss. Unser Sport ist in Australien sehr beliebt, deshalb ist mir deren Fördersystem sehr geläufig, und ich muss sagen: Da könnten wir uns einiges abschauen! Wir brauchen im gesamten System Ideen, um unsere besten Trainerinnen und Trainer bei uns zu halten oder sogar internationales Spitzenpersonal nach Deutschland zu holen. Auch da sehe ich den DOSB im Lead.
Ihr Ziel: Mindestens das zweitbeste deutsche Team werden
Die allermeisten Menschen, die nach Nayarit reisen und dort nicht leben, kommen zum Urlaubmachen. Der kleine Bundesstaat an der Pazifikküste Mexikos lockt mit bestem Wetter und Traumstränden. Die äußeren Umstände sind zwar für Lea Kunst und Melanie Paul auch nicht ganz unwichtig, Ferien allerdings stehen für sie nicht auf dem Plan, sie sind aktuell zum Arbeiten in Mittelamerika. Die beiden Beachvolleyballerinnen kämpfen an diesem Wochenende beim Turnier der Challengerserie, in das sie in der Nacht zu Freitag mit zwei Siegen starteten und damit direkt im Achtelfinale in der Nacht zum Samstag stehen, um Preisgeld und Ranglistenpunkte. Sie tun das unter aufmerksamer Beobachtung der nationalen und internationalen Konkurrenz. Nachdem das Duo in seiner Premierensaison 2025 vor allem bei der WM in Adelaide (Australien) für Aufsehen gesorgt hatte, wird es zu Beginn der neuen Spielzeit als potenzielles deutsches Olympiateam für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles gehandelt.
Eine Einordnung ist das, mit der die beiden sich durchaus identifizieren. Kalifornien steht für Juli 2028 fett unterstrichen in ihrer vorläufigen Reiseplanung. „Wir wollen zu den Spielen und dafür in den kommenden Jahren mindestens das zweitbeste deutsche Team werden“, sagt Abwehrspielerin Melanie, die mit 1,77 Metern Körperlänge neun Zentimeter kleiner ist als ihre Blockpartnerin. Die nationale Dominanz der aktuellen Weltranglistenachten Svenja Müller (25)/Cinja Tillmann (34) zu beenden, steht dabei nicht unbedingt vornean, die beiden Weltranglisten-35. sehen sich eher in Konkurrenz mit Linda Bock (25) und Louisa Lippmann (31). „Es ist ein spannender Dreikampf, in den auch noch andere Teams eingreifen können“, analysiert Lea den seit Jahren sehr intensiven nationalen Konkurrenzkampf, „wir haben in 2025 gesehen, dass untereinander jeder gegen jeden gewinnen kann. Für uns wird es deshalb darauf ankommen, dass wir uns bestmöglich weiterentwickeln!“
Das Duo trainert seit einem Jahr am Stützpunkt Stuttgart
Um das schaffen zu können, haben sich die beiden Sportsoldatinnen, die wie mittlerweile fast alle Topteams für den Düsseldorfer Verein Eintracht Spontent starten, zu Beginn ihrer gemeinsamen Karriere dafür entschieden, nicht am Hamburger Bundesstützpunkt mit Müller/Tillmann und Bock/Lippmann zu trainieren, sondern unter Cheftrainer Jörg Ahmann am Stützpunkt Stuttgart zu arbeiten. „Wir wollten unbedingt am gleichen Ort mit dem gleichen Trainer trainieren, um uns im Gleichschritt zu entwickeln. Stuttgart bietet eine hervorragende Infrastruktur, wir fühlen uns dort sehr wohl“, sagt Melanie, für die die Landeshauptstadt Baden-Württembergs nach Jahren des Ausprobierens feste Heimat werden soll. Die 25-Jährige wurde in Argentinien geboren, wo der Vater als Bauingenieur tätig war, und wuchs in Chile auf, wo sie mit dem Beachvolleyball begann. Zum Studium ging es zunächst in die USA, „weil ich dachte, dort Ausbildung und Sport perfekt verbinden zu können.“
Während der Corona-Zeit begann sie jedoch, mit ihrer Schwester Mariela auf der deutschen Tour zu spielen – und entschied nach dem Master-Abschluss in Nordamerika, langfristig in Deutschland bleiben und ihr sportliches Glück finden zu wollen. Mittlerweile studiert sie an der Sporthochschule in Köln Sport- und Gesundheitstechnologie – und ist nach mehreren Spielpartnerinnen-Wechseln nun überzeugt, in Lea Kunst diejenige gefunden zu haben, mit der sie ihre Olympiaambitionen umsetzen kann. „Wir hatten sofort das Gefühl, dass wir sehr gut zueinander passen, sowohl auf dem Feld als auch im Alltag“, sagt Lea – und erntet ein energisches Nicken ihrer Teamkollegin. „Ich empfinde es als besonders wichtig, dass wir eine ähnliche Spielphilosophie haben, wir agieren beide sehr kreativ und mit viel Spielwitz“, sagt Melanie.
Bundeskabinett stimmt Entwurf des Sportfördergesetzes zu
Auf dem Weg, die Leistungssportförderung in Deutschland wieder auf Weltspitzenniveau zu führen, sind Politik und organisierter Sport am Mittwoch ein weiteres Stück vorangekommen. Der in den vergangenen Wochen erheblich überarbeitete Entwurf eines Sportfördergesetzes aus dem Bundeskanzleramt passierte auf der Sitzung in Berlin das Bundeskabinett und kann nun die nächsten notwendigen Schritte in Richtung Gesetzblatt in Angriff nehmen. Die zuständige Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Dr. Christiane Schenderlein, sagte in ihrer Stellungnahme: „Mit dem Sportfördergesetz bringen wir bereits im ersten Jahr dieser Legislatur eine der zentralen Reformen für den deutschen Spitzensport auf den Weg. Das ist ein Meilenstein. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Leistungsfähigkeit des deutschen Spitzensports stärken!“
Um dieses Ziel zu erreichen, hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als erster Ansprech- und Verhandlungspartner der Politik nach dem Erstentwurf im Herbst eine Reihe an optimierungsbedürftigen Punkten identifiziert, in einer ausführlichen Stellungnahme kommuniziert und in vertrauensvollen Gesprächen mit dem Bundeskanzleramt auf deren Umsetzung gedrängt. Das Gros dieser rund 20 Maßnahmen zur Verbesserung ist nun im Gesetzentwurf berücksichtigt; so ist zum Beispiel die Autonomie des Sports im Gesetzestext manifestiert, die Auswahl der zentralen Position der Agenturvorstände ist eine gemeinsame Entscheidung von Bundeskanzleramt und organisiertem Sport. Dennoch gibt es weiterhin Konfliktpotenzial, das spätestens in der Parlamentsbefassung zur Sprache kommen muss. „So bietet die fehlende Augenhöhe zwischen Politik und Sport im Stiftungsrat, dem wichtigsten Aufsichtsgremium der geplanten Leistungssportagentur, Anlass zur Sorge, dass die Politik letztlich den einfachen Weg wählt und Entscheidungen ohne Absprachen trifft, einfach weil sie die Macht dazu hat“, sagte Otto Fricke, Vorstandsvorsitzender des DOSB, „der heutige Tag ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Jetzt müssen wir aber auf dem Weg bleiben und nicht auf politische Abwege geraten.“
Thomas Weikert, Präsident des DOSB, sagte: „Deutschlands Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind international konkurrenzfähig - unsere Förderung ist es leider bislang nicht. Der heute von der Bundesregierung beschlossene Entwurf für ein Sportfördergesetz ist deshalb ein wichtiger Schritt hin zu einem modernen Spitzensportsystem und einer leistungsfähigen Leistungssportagentur, und wir bedanken uns beim Bundeskanzleramt für die konstruktiven Gespräche der vergangenen Wochen. Allerdings bleiben auch weiterhin zentrale Spielräume ungenutzt. Wir brauchen: echte Augenhöhe zwischen Sport und Politik, unabhängige Agenturvorstände und weniger Bürokratie.“
Fünf Learnings aus dem Dialogforum Sportentwicklung 2026
Ein voller Hörsaal, konzentrierte Diskussionen und spürbare Aufbruchstimmung: Auf dem Dialogforum Sportentwicklung kamen am 18. März im Campus Westend der Frankfurter Goethe-Uni knapp 500 Menschen aus Vereinen, Verbänden und Politik zusammen, um die Zukunft des organisierten Sports nicht nur zu diskutieren, sondern gemeinsam weiterzudenken. Unter dem Motto „Weil ihr es seid - Sport. Verein. Stärken.“ wurde sehr greifbar, wie groß der Wille ist, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven zu weiten und Veränderung aktiv zu gestalten. Die Breite der Themen - von barrierefreien Sportstätten über Ehrenamt, Physical Literacy und Vielfalt bis zur Zielstruktur 2035 und zum Breitensport der Zukunft - hat gezeigt, wie umfassend Sportentwicklung heute verstanden werden muss.
1. Mittelknappheit ist real - und sie verlangt klügere Strukturen
Die finanzielle Lage bleibt angespannt. Aber das Dialogforum hat sehr klar gezeigt: Nicht allein die Höhe der Mittel entscheidet, sondern auch ob sie klug, wirksam und zukunftsgerichtet eingesetzt werden. Weniger Bürokratie, smarter genutzte Sportstätten, digitale Verwaltungsstrukturen und Investitionen dort, wo viele Menschen erreicht werden, sind zentrale Hebel. Knappheit darf den Sport nicht kleiner machen - sie muss ihn innovativer, kooperativer und strategischer machen.
2. Ziele sind dann stark, wenn sie Bewegung auslösen
Die DOSB-Ziele 2035 waren auf dem Dialogforum nicht bloß Folie oder Fernziel, sondern gemeinsamer Arbeitsauftrag. Genau darin liegt ihre Stärke: Sie geben Richtung, schaffen Handlungsklarheit, machen Fortschritt messbar und bündeln Energie für den Weg nach vorn. Entscheidend ist nicht, dass von Beginn an alles perfekt ist. Entscheidend ist, dass wir loslaufen, Verantwortung übernehmen und Wirkung Schritt für Schritt sichtbar machen.
Fachforen Sportentwicklung – einen Blick auf den Sport der Zukunft
„Bei politischen Entscheidungen und Maßnahmen zur Bewegungsförderung ist dringend der organisierte Sport als größter Bewegungsanbieter mitzudenken.“ So eröffnete Dr. Mischa Kläber, Leiter des Ressorts Breiten- und Gesundheitssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), eines der sieben Fachforen, die im Rahmen des 2. Dialogforums Sportentwicklung in den Gebäuden des Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt am Main stattfanden.
Weit mehr als 300 Personen kamen auf Einladung des DOSB am Donnerstagmorgen im Plenargebäude zusammen. Die Fachforen zu den Themen Bildung, Breiten- und Gesundheitssport, Ehrenamt, Geschlechtergleichstellung, Inklusion, Integration und Sportstätten starteten um 9.00 Uhr mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Bestandsaufnahmen.
„Der DOSB wird oft als der deutsche Arm des IOC wahrgenommen“
Seit sie während der Wendejahre 1989/90 ihr Volontariat beim Münchner Merkur absolvierte, ist Elisabeth Schlammerl, die in Journalistenkreisen nur Elli genannt wird, im Sportjournalismus unterwegs. Zunächst gut zehn Jahre als Redakteurin beim Merkur, anschließend viele Jahre als feste freie Reporterin für die FAZ und andere Medien, beschäftigte sich die 63-Jährige neben Fußball und Wintersport auch gern mit internationalen Multisport-Events. Seit 2017 ist die Münchnerin, die als Co-Autorin mehrere Sportbiografien schrieb, auch im Präsidium des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS) tätig, aktuell als 1. Vizepräsidentin. Für unsere Serie „20 Jahre DOSB“, die bis zum Jubiläum am 20. Mai wöchentlich Themen aus dem Kosmos des Dachverbands des deutschen Sports beleuchtet, nimmt sie gewohnt kritisch und dennoch wohlwollend den Werdegang des DOSB unter die Lupe.
DOSB: Elli, kannst du dich daran erinnern, wann du das erste Mal bewusst beruflich mit Sportpolitik in Berührung gekommen bist?
Elisabeth Schlammerl: Oh, das muss zu Beginn meiner FAZ-Zeit Anfang der 2000er-Jahre gewesen sein. Damals hatte ich ein Interview mit Manfred von Richthofen, dem letzten Präsident des Deutschen Sportbundes vor der Fusion mit dem Nationalen Olympischen Komitee zum DOSB. Ich hatte mich bis dahin aber nicht wirklich mit den Institutionen in der deutschen Sportpolitik beschäftigt. An das Gespräch habe ich keine lebhaften Erinnerungen mehr, aber es ging sicher um die Fusion, die damals Manfred von Richthofen ja forcierte.
Die Fusion, die du ansprichst, war im Mai 2006. Welche Erinnerungen hast du daran?
Ich weiß noch, dass viel darüber diskutiert wurde, ob die Entscheidung der Zusammenlegung richtig ist. Aber auch in der Zeit hatte ich nicht allzu viel mit Sportpolitik zu tun, dafür gab und gibt es bei der FAZ Fachleute. Mein Kontakt zum DOSB intensivierte sich erst, als Alfons Hörmann Präsident wurde. Ihn kannte ich aus dem Deutschen Skiverband, dadurch hatten wir eine Verbindung. Und spätestens seit meinem Einstieg in das VDS-Präsidium habe ich viel mit dem DOSB zu tun.
Wie hat sich deine Wahrnehmung des Dachverbands des deutschen Sports verändert? Wofür steht der DOSB in deinen Augen, was sind unsere wichtigsten Aufgaben?
Ganz eindeutig, sich als Gegenpol zur Politik um die Förderung des Leistungs- und Breitensports zu kümmern. Ich glaube, das müsste der DOSB oftmals noch deutlicher tun, als er es macht. Durch meine Arbeit im VDS habe ich allerdings mehr Einblicke hinter die Kulissen und kann auch ein bisschen verstehen, dass das nicht immer ganz einfach ist. Man ist als Verband eben abhängig vom Geldgeber, da kann man vielleicht nicht immer so agieren, wie man es sollte.
Wo, deinem Eindruck nach, tut der DOSB das nicht?
Der DOSB müsste sich stärker für seine Athletinnen und Athleten einsetzen. In den vergangenen Monaten gab es einige Vorfälle - ich erinnere da ans Turnen, den Modernen Fünfkampf oder jetzt an Eisschnelllauf und Skibergsteigen -, bei denen ich mir ein klareres Eingreifen des DOSB gewünscht hätte. Mir ist bewusst, dass es die Verbandsautonomie gibt, aber der Eindruck, dass die Sportlerinnen und Sportler manchmal allein gelassen werden, ist nicht zu leugnen. Außerdem müsste es in der Sportförderung deutlich schneller vorangehen. Es wird schon so lange über ein Sportfördergesetz diskutiert, dass man kaum noch glaubt, dass es wirklich kommt. Dass wir es brauchen, zeigen die zunehmend ausbleibenden Erfolge bei Olympischen Spielen. Und da wäre eine sichtbarere Führung durch den Dachverband sicherlich hilfreich.
Wie beurteilst du aus Sicht einer Journalistin den kommunikativen Auftritt des DOSB?
Grundsätzlich als durchaus gut. Während der Olympischen Spiele macht ihr manchmal schon zu viel. Ich bin aber der Meinung, dass es insbesondere nach den Spielen gern etwas offensiver sein könnte, da habe ich manchmal den Eindruck, dass der DOSB etwas abtaucht. Man soll die Menschen auch nicht nerven, aber etwas mehr Sichtbarkeit abseits der Großereignisse könnte nicht schaden.
Sein Beruf und seine Berufung: Netzwerken für den Sport
Ein wenig müde blinzelt Marc Zwiebler in die Kamera, als er sich zum digitalen Gespräch aus Berlin meldet. Als Vater drei Jahre sowie drei Monate alter Kinder, der eine eigene Firma führt, sind kurze Nächte Standard für den 42-Jährigen. Aber was sind schon Äußerlichkeiten gegen das, was ein Mensch an intrinsischer Motivation auszustrahlen in der Lage ist! Und dass er da viel zu bieten hat, daran lässt der Mann, der viele Jahre die deutsche Nummer eins im Badminton war und Deutschland in der schnellsten Rückschlagsportart der Welt dreimal bei Olympischen Spielen vertrat, keinen Zweifel. Die Energie, mit der sich Marc Zwiebler für Zukunftsthemen begeistert, wirkt ansteckend.
Anlass des Gesprächs war die Serie, in der wir seit Jahresbeginn monatlich die aktuell zwölf Menschen große Gruppe der Persönlichen Mitglieder im DOSB beleuchten. Aber sehr schnell wird klar, dass der in Bonn geborene Wahl-Berliner den Blick über den Rand der Sportblase hinaus nicht nur bevorzugt, sondern auch als das größte Bonuspaket betrachtet, das er seit nunmehr dreieinhalb Jahren in die Verbandsarbeit einbringen kann. „Ich glaube, dass das Potenzial bei den Persönlichen Mitgliedern genau darin liegt, neue Perspektiven zu eröffnen, die über das Sportsystem hinausgehen. Wir alle haben unsere Netzwerke, die wir nutzen können, um Inhalte, die für den DOSB und den Sport in seiner Gesamtheit wichtig sind, außerhalb des Sports zu verbreiten“, sagt er.
Nach dem Karriereende suchte er bewusst Abstand vom Sport
Womit wir dann auch schon mitten im Thema wären. Denn das, was andere Mitglieder der Gruppe kritisieren, ist auch Marc Zwiebler aufgefallen. „Die Möglichkeiten, die wir haben, werden an manchen Stellen noch deutlich zu wenig genutzt“, sagt er. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere im Jahr 2017 hatte er bewusst Abstand vom Sport gesucht, „weil Sport bis dahin mein gesamtes Leben bestimmt hatte und ich herausfinden wollte, was es sonst noch für mich geben kann.“ Den Kontakt komplett abreißen zu lassen, sei aber nicht infrage gekommen, „denn ich wollte dem Sport für das, was er für mich bewirkt hat, gern etwas zurückgeben.“ So engagierte er sich im Exekutivkomitee des Badminton-Weltverbands, war Mitglied im Präsidium von Athleten Deutschland und der Athletenkommission im DOSB.
„Doch auf die Rolle eines Persönlichen Mitglieds war ich trotzdem nicht vorbereitet, als ich vor vier Jahren gefragt wurde, ob ich mir eine Mitarbeit vorstellen könnte, und wenn ich ehrlich bin, weiß ich bis heute nicht ganz genau, was von mir erwartet wird“, sagt er. Zu wenige Präsenztreffen mit der gesamten Gruppe, dazu ein Informationsfluss, der aus seiner Sicht sehr stark auf E-Mail-Verkehr und zu wenig auf direkte Kommunikation aufgebaut sei - die Potenziale, die in der Diversität der Gruppe liegen, würden dadurch zu wenig gehoben. „Und das ist keineswegs eine einseitige Kritik am DOSB, der versucht, uns bestmöglich einzubinden. Das liegt zu großen Teilen daran, dass die meisten Persönlichen Mitglieder sehr viele andere Dinge zu tun haben und ihrer Holschuld deshalb nicht immer nachkommen können“, sagt er.














